Fliegen

In ihrer Performance Fliegen schwingt die Künstlerin auf einem Trapez durch die Projektion eines schneebedeckten Alpenpanoramas. Die feenhafte Gestalt schaukelt über eisblaue Gletscher und lässt Puderzucker auf den kahlen Fußboden rieseln. In diesen schreibt sie mit einem langen Stock Zeilen aus Paul Austers Roman Mr. Vertigo: „Mein Körper erhob sich langsam. Das machte mir Angst.“ Ebenso wie der Ich-Erzähler unter Qualen das Fliegen erlernt, verlangt es von Pia Müller einen ungeheuren Kraftakt, das Trapez in Schwung zu halten, den Zucker aus den schweren Säcken zu streuen und den Stock mit ruhiger Hand zu führen. Die Schaukel gerät zusehends ins Schlingern. Der süße Geschmack der Leichtigkeit, der durch die Luft stiebt, wird von der körperlichen Anstrengung eingeholt, vom Knarzen des Trapezes und vom Keuchen des Atems.

 

Sie tunkt ihren Schreibstock in rote Farbe, nimmt Schwung und versucht auf die projizierte Himmelswand zu zeichnen. Doch diese ist nur in einem erschöpfenden Auf und Ab von Willensstärke und körperlicher Kraft zu erreichen. Pia Müller probt ihre Performances nie. Da sie die Abläufe zuvor nur in ihrem Kopf durchlebt, ist ein Scheitern nicht ausgeschlossen. Der Kampf mit dem eigenen Körper ist daher echt. „Fliegen, Fliegen...“ – wenn zuletzt, nach aller Mühe, diese kritzeligen Lettern blutrot auf dem unberührten Weiß prangen, eröffnet sich eine Fülle an Assoziationen zwischen Macht, Ohnmacht und menschlichem Willen. Der Traum vom Fliegen wird im Akt des Schaukelns zu einem Symbol von Aufstieg und Fall.

Text von Alexandra Orth M.A.

Performance 30'min.

Fotografiert von Markus Bydolek und Berhard Lutz